Glockenturm und Vordere Gebhardspitze vom 21.-23.08.2015

Kletter- und Bergsteigerabteilung DAV Röthenbach

Glockturm 3.355 m und Vordere Gebhardspitze 3.118 m

vom 21. – 23.08.2015

Teilnehmer: Jan Luft, Günter Hagerer, Jürgen Zenger, Karl-Heinz Held, Burckhard Polley, David Porst (von links nach rechts)

 

Ursprüngliches Ziel der Vereinstour war die Überschreitung des Großen Geigers in der Venedigergruppe. Aufgrund von schlechten Verhältnissen am Berg wurde dieses Vorhaben aber verworfen und Jan tüftelte kurzer Hand eine Ersatztour für uns aus. Der Schlachtplan sah nun vor, den 3.355 m hohen Glockturm in den Ötztaler Alpen vom Hohenzollernhaus aus zu überschreiten und anschließend auf der Nasserainer Alm im Kaunertal zu übernachten. Auf dem Rückweg zum Auto wollten wir tags darauf dann die 3.118 m hohe Gebhardspitze, sozusagen im „Vorbeigehen“, noch als Sahnehäubchen mitnehmen. Der Wetterbericht meldete gute Bedingungen für das Wochenende und so wollten wir am Freitagabend auf dem Hohenzollernhaus sein.

 

Freitag, der 21.08.2015

Wie gewohnt kündigte uns Jan das Vorhaben als sehr einfache Genusstour an. Spätestens hier läuteten bei mir die Alarmglocken und ich packte drei zusätzliche Rationen PowerGel und extra Blasenpflaster mit ein. Der Startschuss fiel dann am Freitag um 10:00 Uhr morgens. Begeistert von so viel Komfort bestiegen wir den neuen Vereinsbus und schipperten mit unserem Kapitän Jan am Steuer gen Süden. Den ersten Schrecken hatten wir dann am obligatorischen Rastplatz in Biberwier zu verdauen, als beim Einparken die Flanke des nagelneuen Busses an der Friedhofsmauer entlang schrammte. Gemeinsam wurde das Kunststück begutachtet, für „halb so wild“ befunden, und nach einem kräftigen Schluck Kellerbier konnte die Fahrt weiter gehen. Über eine Forststraße oberhalb von Pfunds erreichten wir schließlich den Parkplatz am Wildmoos auf ca. 1600 Metern. Von hier aus führte der Steig durch einen schönen Zirpenwald in etwa einer Stunde auf das urgemütliche Hohenzollernhaus (2.123 m), einem wahren Kleinod in traumhafter Lage. Nach einem schmackhaften Abendessen und einigen Weizen in gemütlicher Runde legten wir uns zeitig in die Kojen.

 

Samstag, der 22.08.2015

Da uns keine allzu großen technischen Schwierigkeiten erwarteten gingen wir es gemütlich an, frühstückten erst um 07:00 Uhr und starteten anschließend in Richtung Glockturm. Dieser war schon von der Hütte aus zu sehen und „türmte“ sich tatsächlich mit seiner imposanten Westwand vor uns auf. Der Steig führte zunächst steil durch das Revier der Almrinder und deren zahlreiche Hinterlassenschaften, später etwas flacher in einer langgezogenen Rechtskurve in den hinteren Talkessel. Unter den wachsamen Blicken einer großen Steinbockherde erreichten wir schließlich das untere Ende des Hüttekarferners. Hier legten wir die Steigeisen an, denn unter der hauchfeinen Neuschneeschicht verbarg sich blankes Eis. Spalten hatte der kleine Gletscher dagegen quasi keine und konnte so problemlos überquert werden. Am Ende des Eisfeldes erreichten wir einen Sattel, der einen tollen Rastplatz mit herrlicher Aussicht bot. Nach ausgiebigem Pausieren nahmen wir den Gipfelaufschwung in Angriff und nach einer halben Stunde über lockeres Gestein, das Trittsicherheit verlangte, hatten wir den Gipfel erreicht. Gemeinsam genossen wir die grandiose Rundumsicht auf Weißkugel, Fluchtkogel, etc… bis hinüber zur Berninagruppe bei bestem Wetter.

 

 

Nun ging es an den Abstieg. Über loses Block- und Schuttgelände erreichten wir den Rifflferner und stiegen über diesen bis zu einem kleinen See unterhalb des Gletschers ab. Um ihn auf Badetauglichkeit zu testen, stellte sich Jan bis zu den Knöcheln ins Wasser, flüchtete aber wegen unerträglicher Kälte sofort wieder an Land. Just in diesem Moment entblätterte sich Burkhardt bis aufs Adamskostüm, präsentierte einen makellosen Körper in Form einer griechischen Statue, watete in das Eiswasser und tauchte ab. Mit breitem Grinsen und geschwollener Brust kam er zurück an Land und beschimpfte uns übrige als Weicheier und Narren, weil wir die willkommene Erfrischung nicht nutzen wollten. Tief beeindruckt von dieser Vorstellung machten wir uns dann an den weiteren Abstieg in Richtung Nasserainer Alm. Mit viel Erfahrung und Geschick gelang es Jan, alle markierten Wege zu umgehen und uns querfeldein über sogenannte „Abkürzungen“ durch abschüssiges Buschwerk und löchrige Heidelandschaften zu lotsen. Für den Rest der Tour sollte „Abkürzung“ ein gefürchtetes Wort bleiben und ein Jeder zuckte zusammen, sobald es laut ausgesprochen wurde.

Nach insgesamt 11 Stunden auf den Beinen kamen wir schließlich alle erschöpft aber wohlbehalten auf der Nasserainer Alm an, wo uns ungeahnter Luxus erwartete: die Zimmer waren mit eigenen Duschen und WCs ausgestattet und mit lediglich sechs Betten auf der Alm waren wir die einzigen Gäste. Wir fragten uns anfangs unsicher, ob es auf einer echten Bergtour überhaupt erlaubt sei zu duschen, trauten uns aber letztlich doch und fühlten uns wie neu geboren. Zum Abendessen wurden uns dann wahrhaft biblische Mengen aufgetischt und bald mussten die Gürtel gelockert werden, um den prallen Wampen Platz zu machen.

Nun galt es noch, die Vorgehensweise für den nächsten Tag zu planen. Allmählich dämmerte es den Tourteilnehmern nämlich, dass die von Jan angepeilte Gebhardspitze wohl nicht „im Vorbeigehen“ zu machen sein würde, sondern vielmehr eine noch anstrengendere Tour als die bisherige bedeutete. Während Jan die Details mit dem Hüttenwirt besprach, wurden hinter vorgehaltener Hand bereits meuternde Stimmen laut und der Wettergott wurde heimlich angefleht, er möge ein Einsehen haben und eine kalte Regenfront schicken.

 

Sonntag, der 23.08.2015

Aber nichts da, am nächsten Tag erwartete uns neben einem bombastischen Frühstück mit frischen Spiegeleiern auf Speck auch strahlender Sonnenschein. Nach einem Kaffee, der noch dem müdesten von uns tellergroße Pupillen bescherte, reihten wir uns hinter unserem bestens aufgelegten Kapitän ein und starteten um kurz nach Sieben das Projekt „Gebhardspitze“. Nach zwei Stunden erreichten wir den traumhaft gelegenen Schwarzsee, wo abermals alle markierten Wege ein Ende fanden. Jan offenbarte uns seinen kühnen Plan, über steiles Blockgelände in eine wilde Scharte aufzusteigen. Befürchtungen wurden laut, es könne sich hierbei um eine Abkürzung handeln. Nein, versicherte uns Jan, abgekürzt werde erst wieder im Abstieg. In der Gruppe herrschte zunächst leichte Skepsis, doch diese wurde von einem höchst motivierten „na gut, dann probieren wir es eben“ hinweggefegt und wir stiegen weiter. Letztendlich stellten sich der Weg zur Scharte, die anschließende Querung steiler Schrofen und der Aufstieg zum Gipfelgrat aber als durchaus machbar heraus und es war sicherlich eine besondere Variante, die vor uns erst ganz wenige gegangen waren. Der Gipfelgrat war dann herrliche Kraxelei mit 1er Kletterstellen und gegen Mittag war der höchste Punkt erreicht. Wir gratulierten uns zum neuerlichen Gipfelerfolg und beteuerten Jan, nie an seinen Plänen gezweifelt zu haben.

Dennoch wussten alle, dass uns noch einiges bevorstand. Zunächst stiegen wir über den recht steilen und blanken Platzerferner und anschließend dem Gletscherbach entlang bis ins hinterste Platzertal hinunter. Die Stimmung in der abgelegenen und kargen Gegend war geradezu archaisch und uns begegnete den ganzen Tag über kein einziges Steinmandl, geschweige denn ein Mensch. Der Gegenanstieg bis hoch zur letzten Scharte des Tages und der endgültige Abstieg bis zum Wildmoos hatten es dann nochmal in sich und zogen sich ganz schön in die Länge. Gott sei Dank ersparte uns Jürgen mit seinem GPS-Gerät noch so manche „Abkürzung“. Einen wirklich gelungenen Abschluss fanden wir dann auf einer Alm etwas oberhalb des Parkplatzes, wo uns die freundliche Wirtsfamilie noch auf ein paar erfrischende Radler und ein Schnapserl einlud. Am Auto angekommen hatten wir erneut 11 Stunden Bergtour in den Knochen und waren alle sehr erschöpft, lediglich Jan hatte noch die Kraft sich ans Steuer zu setzten. Unterwegs kehrten wir noch in der Traditionspizzeria „Renzo“ in Garmisch ein und kamen dann spät am Abend nach Hause.

Am Ende war es einmal mehr eine klasse Tour mit reichlich Abenteuer und tollen Eindrücken! Wir danken Jan für die sichere Führung und vielen Dank an alle beteiligten für die grandiose Stimmung in der Truppe!

 

David Porst