Tour auf die Hintere Schwärze Juli 2013

Kletter- und Bergsteigerabteilung DAV Röthenbach

 

Geplante Tour auf die Hintere Schwärze

…und dann kommt´s doch anders

 

Es hat für Anfang Juli am Alpenhauptkamm noch sehr viel mehr Schnee, als das für diese Jahreszeit üblich ist. Sollte deswegen die Tour auf die Hintere Schwärze im Ötztal noch gar nicht möglich sein?

Außerdem finde ich auf der Homepage der Martin Busch Hütte, dem Stützpunkt der Tour, eine Warnung vom August 2012. Akute Bergsturzgefahr im Bereich des Marzellkamms. Von einer Begehung wird dringend abgeraten. Das ganze wird durch einen Kartenausschnitt mit eingezeichnetem Gefahrenbereich konkretisiert. Genau durch diesen Bereich würde unsere Aufstiegsroute führen. Die Warnung ist fast ein Jahr alt – wie ist wohl die aktuelle Situation? Ich rufe, wie in solchen Fällen üblich, zunächst auf der Hütte an, um die aktuelle Situation über Schneelage und Bergsturzgefahr beim Hüttenwirt zu erfragen. Man gibt mir zu verstehen, dass ich für solche Fragen das Bergführerbüro in Vent anrufen soll. Erstaunt über diese Antwort folge ich dem Hinweis. Der Bergführer, mit dem ich spreche, ist sehr nett und steht mir Rede und Antwort, nachdem ich ihm erklärt habe, was wir vorhaben. Er meint, dass trotz des noch vielen Schnees die Tour möglich ist. Auf den Bergsturz angesprochen gibt er Entwarnung, da man den Steig zur Hinteren Schwärze inzwischen oberhalb des Gefahrenbereichs gelegt hat. Da er, angesprochen auf das Wetter der nächsten Tage, keine Prognose wagen will, erfolgt der obligatorische Anruf bei der persönlichen Beratung der Wetterdienststelle in Innsbruck. Am späten Nachmittag kann es im Ötztal Gewitter geben, so die Vorhersage. Diese Aussage bringt letztlich die Entscheidung, die Tour zur Hinteren Schwärze durchzuführen. Wenn wir bei dieser langen Tour von 10 Std. sehr früh aufbrechen, dürften wir bis zum Gewitter wieder auf der Hütte sein, sofern es überhaupt welche geben sollte, so meine Überlegung.

 

Nachdem es am Sonntag, den 7.7. nicht ohne Staus und Umwege ins Ötztal bis nach Vent geht, steigen Karlheinz, Klaus, Michael und Werner mit mir auf die Martin Busch Hütte, wo wir im oberen Dachgeschoss unsere Lager zugewiesen bekommen. Nach dem Abendessen fragt mich die Bedienung, als sie das Geschirr abträgt fast nebenbei, wo wir denn morgen hinwollen. Als ich ihr die Hintere Schwärze als Ziel nenne, fragt sie mich, ob ich denn nicht weiß, dass im Bereich des Marzellkamms Bergsturzgefahr besteht. „Ich kenne die Warnung vom August 2012, aber das Problem besteht durch die geänderte Route ja nicht mehr“, erwidere ich. „Ihr müsst es ja wissen, ihr seit alt genug“, bekomme ich zur Antwort. Zunächst etwas verwundert über diese Antwort letztendlich aber nicht überrascht nehme ich diese entgegen, da sich die Hüttenmannschaft bisher „anders“ im negativen Sinn, als man das auf Berghütten kennt, verhalten hat. Trotzdem lässt mir die Antwort keine Ruhe. Unbehagen breitet sich in mir aus. Will mich die Bedienung nur von dieser anspruchsvollen Tour abhalten, weil sie meint, wir wären ihr nicht gewachsen oder steckt doch mehr dahinter? Ich frage nach dem Hüttenwirt, der, nachdem die Gaststube etwas leerer geworden ist auch kurz Zeit für mich hat. Angesprochen auf die vorgesehene Tour zur Hinteren Schwärze bekräftigt er die Aussage seiner Bedienung. Grund dafür ist, dass vor zwei Tagen Geologen den bekannten Gefahrenbereich untersucht haben. Diese waren zu dem Ergebnis gekommen, dass für ein noch viel größeres Gebiet akute Bergsturzgefahr besteht. Der ganze Berg ist in Bewegung. Auch der vom Bergführer genannte geänderte Routenbereich befindet sich in der Gefahrenzone. Ein Betreten wäre lebensgefährlich.

Ich informiere meine Bergkameraden über die aktuelle Situation. Wir sind uns einig, dass wir ein so hohes Risiko nicht eingehen wollen und beschließen, auf den Nachbarberg, den Similaun zu steigen, da, bis auf Karlheinz, von uns noch keiner oben war. Der Similaun ist auf der für uns möglichen Route technisch sehr einfach zu besteigen, also kein Vergleich mit unserer ursprünglich geplanten Tour und mit ca. 3600m auch um wenige Meter niedriger als die Hintere Schwärze, aber trotzdem kann dies eine reizvolle Bergtour werden.

Nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ verlassen wir am nächsten Morgen mit der Dämmerung um 5.00 Uhr die Martin Busch Hütte und steigen zunächst zur Similaunhütte. Wir wählen von den zwei Aufstiegsvarianten den „oberen“ Weg. Dieser erweist sich auf Grund von Murenabgängen, die sich wie frisch ausgegossener Beton über den Weg bewegen und abgebrochenen Wegbereichen in den Felspassagen als die schlechtere Variante. Es scheint so, als ob das Ötztal besonders unter dem Klimawandel und dem damit verbundenen Anstieg der Permafrostgrenze leidet.

Kurze Rast, bevor wir am Gletscher Steigeisen und Seil anlegen und dann problemlos auf den Gipfel steigen. Mit guter Rundumsicht werden wir belohnt. Beim Abstieg zur Martin Busch Hütte wählen wir diesmal den „unteren“ Weg, der sich als die bessere Variante herausstellt.

Am nächsten Morgen steigen wir, bevor wir nach Vent zu unsren PKW´s zurückkehren, auf die Kreuzspitze, dem Hausberg der Martin Busch Hütte. Im Hochsommer als leichte Wandertour, erweist sich der Aufstieg durch den vielen Schnee anspruchsvoller als vermutet. Wegfindung, Steilanstiege im Tiefschnee und Eis im Gipfelbereich erfordern Kraft, Kondition und Trittsicherheit. Trotzdem stehen wir schon um 8.30 Uhr auf den 3452m hohen Gipfel. Zur Mittagszeit sind wir bereits wieder in Vent.

 

Schöne Touren in wilder Berglandschaft mit toller Truppe – was will man mehr.

Ich möchte mich bei den Teilnehmern für das Verständnis und die Flexibilität bedanken. Manchmal kommt es eben doch anders als geplant, weil die Natur ihre eigenen Gesetze schreibt. Hintere Schwärze – wir kommen wieder.

 

Jürgen Zenger